History – Ironman Florida 2004 – Manfred Holthausen

Eine Reise zum  IRON(WO)MAN

Erlebnisbericht von Manfred Holthausen

Als IRONMAN (IM) bezeichnet man eine Sportveranstaltung, bei der 3,8 km geschwommen, 180 km Rad gefahren und daran anschließend ein Marathon gelaufen wird. Das alles Nonstop. Wer diese Distanzen innerhalb von 17 Stunden schafft ist ein Eisenmann oder eine Eisenfrau. Gleichzeitig kann sich der Athlet, die Athletin für die WORLD CHAMPIONSHIP auf Hawaii qualifizieren. Dies sind die inoffiziellen Weltmeisterschaften, da es sich um eine kommerzielle Veranstaltung handelt. Das Monopol hierauf hat die WTC = World Triathlon Corporation.

Es war wieder mal soweit

Für meinen 19. Start über diese Strecke von 226 km hatten meine Frau Helene und ich Panama City Beach am Golf von Mexiko in Florida am 6. Nov. 2004 auserkoren. Zu diesem Zeitpunkt war uns klar, dass wir in der heiklen Wahlphase zur amerikanischen Präsidentenwahl am 2. Nov. anreisen würden. Aber das sollte nicht unser Problem werden.

Schon im September häuften sich Meldungen, dass in der Karibik vermehrt mit Wirbelstürm- men zu rechnen sei. Als im Oktober Kuba, die Keys und das südöstliche Florida betroffen waren, schauten wir uns häufiger fragend an. Bisher hatte es die schützende Bucht des Golfs von Mexiko nicht (noch nicht) getroffen. Beim Herannahen des wohl gewaltigsten Hurricans  “Ivan“ wurden auch die Küstenbewohner des Golfs evakuiert. Schnell tauften dieEinwohner ihn Ivan, den Schrecklichen. Mit Windgeschwindigkeiten von 200 km/h traf er auf die Städte und richtete Verwüstungen und Überschwemmungen an. Aufregung herrschte in der ganzen Familie als ausgerechnet aus Panama City Beach zwei Tote gemeldet wurden. Jeb Bush, der Gouverneur erklärte Florida zum Katastrophengebiet. Wir hielten uns über das Internet auf dem Laufenden und mussten feststellen, dass die Veranstaltung  auf der Kippe stand. Aber schon wenige Tage später war zu lesen, dass die mehr als tausend Helfer der Veranstaltung alles daran setzen würden, die Absage zu vermeiden. Noch selten haben wir so  mitgefühlt, waren wir doch mittelbar betroffen.

Gepäcksorgen

Gebucht waren Flüge Düsseldorf – Frankfurt – Atlanta/Georgia. Der Abflug in Düsseldorf verzögerte sich wegen Bodennebel in Frankfurt um ca. 40 Minuten. Das fing ja gut an. Wir schafften es noch in Frankfurt den Flieger nach Atlanta zu erreichen, aber unser Gepäck nicht. Was heißt Gepäck beim Triathleten: Der Neoprenanzug nebst Schwimmbrille, das Rad (zerlegt) Ersatzreifen, Radschuhe und Werkzeug sowie Laufschuhe usw. sind unverzichtbar. Das Fehlen bemerkten wir aber (Gott sei Dank!) erst in Atlanta. So konnten wir wenigstens den Flug noch sorglos genießen.

Sicherheitskontrollen

Die Einreiseformalitäten hatten es in sich. Vor den jeweiligen Schaltern sorgten Endlosschlangen von mehreren hundert Meter Länge für eine lückenlose Kontrolle der Personen  durch die Sicherheitsdienste. Handgepäckkontrolle bedeutete auch Gürtel und Schuhe auszuziehen. Fingerabdruck und Portraitfoto folgten. Das hatten wir geschafft. Jetzt galt es den Verlust des Gepäcks zu melden. Das Personal am Lufthansaschalter hatte ein schlechtes Gewissen und versprach das Gepäck so rasch als möglich nachzuliefern. Als Trostpflaster gab es je 50 $ und ein Notfallpaket. Mein Unmut wegen des fehlenden Radkoffers und dem drohenden Ausfall meines Wettkampfes hatte offensichtlich Wirkung gezeigt.

Interessantes am Rande

Mit der Schnellbahn erreichten wir in kurzer Zeit den Bus, der uns in ca. fünf Stunden nach Panama City bringen sollte. Jetzt war es von Vorteil, nur mit dem Handgepäck zu reisen. Hier hatten wir wohlweislich die Sonnenbrillen untergebracht, die bei der grellen Sonne Floidas vonnöten war. Die Fahrt über den Highway  weckte wieder einmal  die Gefühle des “American Way of life“. Die Wahlkampagne der US Präsidentschaftskandidaten Kerry und Bush aus dem Fernsehen noch im Sinn suchte man vergebens nach den bei uns üblichen Wahlplakaten. Was man sah war Wahlwerbung im Plastiktütenformat. Und die sah so aus: über einem rechteckig gebogenen Drahtbügel, der in die Erde gesteckt war zog man eine Plastiktüte auf der die Namen der Werbenden standen, fertig. Am Fahrbahnrand bemerkten wir in auffällig blauen Overalls bekleidete Männer, die orangefarbene zwei mal zwei Meter große, auf die Spitze gestellte Verkehrszeichen mit der Aufschrift “STATE PRISONERS AT WORK“ aufstellten. Der Hinweis wiederholte sich  mehrfach. Auch das fanden wir nachahmenswert, wies es doch darauf hin, nur ja keinen Anhalter aufzunehmen. Abfall auf den Seitenstreifen sah man kaum. Das bei uns so beliebte Entsorgen aus dem Seitenfenster kostet in Florida 200 $. Häufig sahen wir patrouillierende Polizeifahrzeuge.

Angekommen

Etwas geschafft bezogen wir unser Appartement  im 11. Stock mit Blick auf den Golf von Mexiko, wo gerade die Sonne unterging. Sofort war jede Strapaze vergessen.  Als wir auf dem Balkon Stahlstützen sahen, ahnten wir die Auswirkungen von Ivan. Ein Brief, den uns die Eigentümer der Wohnung zurückließen, gab hierüber näheren Aufschluss. Die Stützen dienten der Befestigung einer Arbeitsbühne für die unteren Stockwerke. Hier hatte der Hurrikan diverse Schäden angerichtet. Da die eigentliche Urlaubsaison der Amerikaner zu dieser Zeit beendet war, standen viele Appartements leer und der Strand gehörte ab sofort den Triathleten. Die Wohnung ließ keine Wünsche offen. Der Urlaub konnte beginnen, wenn ja wenn das Rad nur da wäre…

Tragischer Unfall

Unsere Sorgen traten sehr schnell in den Hintergrund. Der schwedische Triathlet Jan Nilsson, 51 Jahre, ertrank beim Schwimmtraining. Es gehört zum allmorgendlichen Procedere der Triathleten sich am Schwimmstart einzufinden um gemeinsam zu trainieren. An diesem Morgen wies die blaue Flagge auf mittelschweren Seegang hin. Nach kurzer Zeit hatte ich das Schwimmtraining beendet. Später erfuhr ich das Jan leblos im Wasser lag  als er entdeckt wurde. Eine Ärztin, die in einer Gruppe Beachvolleyball spielte, versuchte ihn zu reanimieren. Vergebens. Frau Nilsson bat im Gespräch mit den Veranstaltern im Sinne ihres Mannes, der mit Herz und Seele den Triathlonsport betrieb, eine Geste der Verbundenheit zu zeigen. So ließen wir am Wettkampfmorgen neben der Startnummer auch die Initialen “JN“ auf unsere Wade schreiben. Ein Athlet bemerkte: „Vielleicht schaut Jan ja von oben zu.“

Wettkampfvorbereitungen

Da das Meer weiter hohe Wellen schlug, fiel für mich das Schwimmtraining aus. Zumal jetzt die rote Fahne draußen hing und  bei diesem Wellengang  das Schwimmen am Wettkampftag ausfallen würde. Immer wenn ich Radgruppen sah, die zur Erkundung der Radstrecke ausfuhren, überfiel mich ein ungutes Gefühl. Ich hielt schon mal Ausschau nach einem Radshop, bei dem ich ein Leihrad kriegen könnte. Nach Tagen des Wartens kam unser Gepäck endlich an. Noch nachts montierte ich alles zusammen, so dass ich am nächsten Morgen losfahren konnte. Viele Athleten trainierten noch intensiv, mir reichten 50 km auf der Radstrecke und 25 km bei starkem Gegenwind. Ich blieb meiner Devise treu: Gesund am Start stehen. Denn die Rennstrecke verlief auf dem Highway und rücksichtsvolles Fahren durfte vom übrigen Verkehr nicht erwartet werden. Zu tief sitzen die Erinnerungen an zwei Kameraden, die beim Radtraining vor dem IM NZL 1999 tödlich verunglückten.

Intermezzo

Die Wahlnacht vom 2. zum 3. November 2004 live in dem Bundesstaat mitzuverfolgen, der noch bei der letzten Wahl  auf mehr oder weniger zweifelhafte Weise George W. Bush zum Präsidentenamt verhalf, war schon spannend. Uns standen 99 Fernsehprogramme zur Verfügung. Mit fast soviel Prozent senden sie Werbung. Da lob ich mir das Deutsche Fernsehen. Das der alte auch der neue Präsident der USA werden sollte stand schon sehr früh fest. So sind nun mal die Amerikaner: Eine klare Ansage zur streitbaren Demokratie gepaart mit einem Bekenntnis zur Religion und sie wählen diesen Kandidaten. Um einige Erfahrungen reicher wurden wir bei einem Golf Schnupperkurs auf  einer der mehrfach vorhandenen Golfanlagen. Nach mehrstündigen Abschlag- und Puttübungen stand fest, zu diesem Sport muss man berufen sein. Das Meer beruhigte sich zusehends, so dass man vom Strand aus Delphine sehen konnte. Auf einer Bootstour zu den Shell Islands kamen wir ihnen noch näher. Stundenlang konnte ich dem Fischen der Pelikane zusehen. Wenn sie zu mehreren einen Fischschwarm entdeckt hatten ging es nacheinander oder nebeneinander im Sturzflug ins Wasser. Beute schien ausreichend vorhanden. Streit darüber gab es jedenfalls nicht.

Triathlonmesse, Wettkampfunterlagen, Wettkampfbesprechung und Nudelparty,Check in

Die Kommerzialisierung im Sport muss eine amerikanische Erfindung sein. Die letzten innovativen Neuerungen für den Triathlonsport ließen die Herzen höher schlagen. Die Masse der angebotenen, besser angepriesenen, Nahrungsergänzungsmittel stimmte mich eher nachdenklich. Wenn ich das alles Probieren soll müsste ich bis Hundert Sport betreiben. Mit dem Empfang der Wettkampfunterlagen ist der Verzicht auf alle Rechtsansprüche gegen den amerikanischen Triathlonverband verbunden. Gleichzeitig erkennt man die schriftlichen und anlässlich der Wettkampfbesprechung mündlich vorgetragenen Wettkampfregeln an. Letztere hatten es in sich: das Windschattenfahren wurde mit einer Zeitstrafe von vier Minuten geahndet. Der Abstand zum Vordermann –frau musste drei Radlängen betragen, Überholmanöver durften nicht länger als 15 Sekunden dauern, der überholte hatte den Abstand von drei Radlängen herzustellen, das Wegwerfen von Verpackungen etc. war nur innerhalb der Verpflegungszonen erlaubt, bei Nichtbeachten = vier Minuten Zeitstrafe, auf der Laufstrecke war das Abkürzen oder Schneiden von Kurven nicht erlaubt = vier Minuten Zeitstrafe. Das tückische bei dieser Regelung war, dass die Zeitstrafen im Verborgenen durch die Kampfrichter verhängt wurden.

Jede(r) Athletin/Athlet wurde verpflichtet ab 19.30 Uhr selbst auf  einer ausgehängten Liste nachzuschauen ob er mit drei Zeitstrafen disqualifiziert wurde. Der Grund für diese neue Regel wurde damit erklärt, dass es durch die bisherige häufig zu gefährlichen Situationen  gekommen sei. Als man im vorigen Jahr einem Athleten im Wettkampf die gelbe Karte gezeigt  habe und ihn damit zum Halten veranlasste fuhren andere auf und stürzten. Ich fand die neue Regel gut, obwohl manchmal das schlechte Gewissen mitfuhr. Als sich die große Triathlonfamilie zum gemeinsamen Nudelessen zusammenfand war die neue Regel das Hauptthema bei den Gesprächen. Am Tag  vor dem Wettkampf hatte man fristgerecht sein Rad in den nummerierten Ständer zu stellen, die Kleiderbeutel für die Wechsel vom Schwimmen zum Radfahren und Laufen wurden in der richtigen Reihenfolge hintereinander auf dem Boden einer Halle abgestellt. Der Veranstalter hatte mir für meinen 19. Start die Startnummer 1919 zugeteilt.

Der Wettkampftag

Der Herrgott muss Triathleten besonders mögen. Das Wetter war vom allerfeinsten. Als wir uns um 05.30 Uhr am Start einfanden waren die Temperaturen schon angenehm warm. Psychologisch klug hatten die Wettkampfrichter ihre 32 Motorräder auf dem Weg zur Oberarm- und Wadenbeschriftung demonstrativ in Zweierreihe aufgestellt. Hier musste jeder vorbei und man konnte sich auf häufige Kontrollen einstellen. Der Motorradfan erkannte, dass es sich bei den Maschinen um die klassische Honda Goldwing  handelte, die sich fast geräuschlos fahren lässt. Also würde man das Herannahen der Kampfrichter nicht hören. Auf den stark abgekühlten Sand am Strand waren wir hingewiesen worden, also behielt ich bis kurz vor dem Schwimmstart Socken und Schuhe an und das war gut so. Es waren zwei Runden zu schwimmen mit einem kurzen Lauf über den Strand nach der ersten Runde. Meine Taktik, einer “Prügelei“ möglichst aus dem Weg zu gehen, ging nur bis zur ersten Wendeboje auf. Alle wählten den kürzesten Weg und alle mussten jetzt durch diesen Engpass. Dieses Spiel sollte sich noch viermal wiederholen und so mancher Ellbogen traf auch mich. Deshalb wunderte ich mich über die Zeit von 1:15:05 Std. Der Lauf unter die Süßwasserdusche, das Anziehen des Radtrikots, der Radschuhe sowie Helm und Sonnenbrille dauerte ca. sechs Minuten. Als ich mit dem Rad meine Frau passierte signalisierte sie mir, dass ich als vierter aus der Altersklasse (AK) aus dem Wasser gekommen sei. Das motivierte mich natürlich auf dem Rad ordentlich Gas zu geben. Dennoch überholten mich nach etwa 80 km und 130 km zwei Kameraden meiner AK. Aber mit einer Radzeit von 5:55:16 Std. konnte ich sehr zufrieden sein. Dank der hervorragenden  Verkehrslenkung  und -regelung durch die Polizei war das Radfahren auf der gesamten Strecke eine Freude. Der Wechsel in die Laufkleidung dauerte ca. fünf Minuten. Die Begeisterung an der Laufstrecke war amerikanisch toll. Meine Frau gab mir den Hinweis, dass ich an 4. oder 5. Position in der AK laufen würde. Das ließ ja hoffen. Die recht winklige Laufstrecke war mir von den Trainingsläufen her bekannt. Da es in diesen Breiten gegen 17:00 Uhr schlagartig dunkel wird, hatte ich auch diese Variante trainiert. Weshalb ich für den Marathon dann trotzdem 4:52:10 Std. benötigte ist mir bis heute ein Rätsel. 30 Minuten hätte es schon schneller sein dürfen. Ich denke, dass ich mich vielleicht zu sehr auf die Verpflegung konzentriert habe. Denn die ging mir bei den Deutschen Meisterschaften dieses Jahr in Roth völlig daneben.

Florida runIrgendwann in der Dunkelheit hatte mich mein japanischer Freund Ishii Hideki überholt und mir blieb letztlich der undankbare sechste Platz, von 29 Startern in meiner AK. Die ersten fünf jeder AK wurden aufs Podium gebeten. Ein kleiner Trost blieb mir, ich hatte meine Bestzeit in der AK 60 um drei Minuten verbessert und finishte in der Gesamtzeit von 12:14:44 Std. An einen Qualifikationsplatz für Hawaii 2005  brauchte ich jetzt nicht mehr zu denken. So störungsanfällig die Anreise war, so harmonisch verlief die Rückreise. Der Blick zurück auf ein sehr schönes Urlaubserlebnis, was uns der Triathlonsport wieder einmal bescherte ließ mich gleich in die Zukunft schauen. Und siehe da, ein vorgesehener Start beim IRONMAN GERMANY 2005 in Frankfurt ist nicht mehr möglich- ausgebucht-! Deshalb meldete ich mich sogleich unter der Startnummer 983 beim IRONMAN AUSTRIA am 3. Juli 2005 an. Neues Spiel, neues Glück oder Hauptsache gesund.

Manfred Holthausen

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